Religion und Frömmigkeit haben auch immer etwas mit der Sprache zu tun, mit der man aufgewachsen ist. Dies ist letztlich auch der Grund für das Bedürfnis der Angehörigen der Deutschen Volksgruppe nach Gottesdiensten und kirchlichen Amtshandlungen in deutscher Sprache.

Will man die kirchlichen Verhältnisse in Nordschleswig verstehen, bedarf es eines Rückblicks in die Geschichte.

Nach der Volksabstimmung 1920 hatte man dänischerseits einer deutschsprachigen kirchlichen Versorgung zugestimmt, sofern es hierfür Bedarf gäbe. Bei der Feststellung dieses Bedarfes gab es jedoch unterschiedliche Anschauungen zwischen deutscher Minderheit und dänischer Regierung.

Der Dissens führte 1923 zur Gründung der Nordschleswigschen Gemeinde der Ev.-luth. Schleswig-Holsteinischen Landeskirche in Tingleff.

Fortan gab es in Nordschleswig Gemeinden mit deutschsprachiger kirchlicher Versorgung durch die dänische Volkskirche (Folkekirken) – vornehmlich in den Städten Apenrade, Hadersleben, Sonderburg und Tondern – und eben jene Nordschleswigsche Gemeinde (NG), die als Freikirche nach dänischem Recht die kirchliche Versorgung der deutschen Nordschleswiger auf dem Lande versah.

Die unsägliche Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkrieges führte zum Zusammenbruch der Nordschleswigschen Gemeinde. Die Pastoren der NG konnten und durften ihr Amt nicht mehr ausüben. Notdürftig wurde die kirchliche Versorgung der Gemeindeglieder der NG durch die in ihren Ämtern verbliebenen Pastoren in den oben genannten vier Städten innerhalb der dänischen Volkskirche aufrechterhalten.

Die NG selbst stand nach dem 2. Weltkrieg praktisch vor dem Nichts. Es begannen schwierige Verhandlungen zwischen der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche, dem Außenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland auf der einen und der dänischen Volkskirche auf der anderen Seite.

Möglich waren diese Verhandlungen nur, weil die dänische Seite ebenfalls ein Interesse an der Klärung der Frage der kirchlichen Versorgung der dänischen Minderheit in Südschleswig hatte.

Im Ergebnis führte das hinsichtlich der deutschen Minderheit 1948 zur Anstellung des cand. theol. Hans Egon Petersen, der am 17. Oktober 1948 in einem Festgottesdienst durch den Bischof für Schleswig, Reinhard Wester, ordiniert und in sein Amt als erster Nachkriegspastor der NG eingeführt wurde.

In Nordschleswig hatten sich die bekennenden Christen unter dem Dach der »Freunde der Breklumer Mission« zusammengeschlossen. Der Bekennenden Kirche hatte auch der neue Bischof für Schleswig, Reinhard Wester, in Schleswig-Holstein während der NS-Zeit an herausragender Stelle angehört. Dieser machte dann auch keinen Hehl aus seiner Auffassung, dass es insbesondere im Hinblick auf die Erfahrungen aus der nationalsozialistischen Zeit zu einer strikten Trennung von Kirche und Politik kommen müsse. Er formulierte in einem Schreiben: »Der Grundsatz 'Kirche muss Kirche bleiben' will nicht nur verstanden und grundsätzlich akzeptiert werden, sondern es kommt nun auch darauf an, dass die neue Leitung der NG so geartet ist, dass sie als überzeugender Sachwalter dieses Anliegens gelten kann«.

Der Beginn der Arbeit Pastor Petersens gestaltete sich schwierig. Bis März 1950 versorgte Petersen als einziger Pastor die gesamte NG. Dann kam der aus Lautrup stammende Pastor Jessen hinzu und bezog das Pastorat in Tingleff. Fortan versorgte dieser den östlichen Teil Nordschleswigs, der zum Haderslebener Stift gehört, während Pastor Petersen von Lügumkloster aus sich um den zum Ripener Stift gehörenden Westen des Landes kümmerte.

Es begann der Weg einer langsamen Normalisierung. 1951 übernahm Pastor Andreas Schau die Pfarrstelle in Hoyer. Die Geschäftsführung lag seit 1923 in Tingleff. 1954 erhielt die NG ihre Anerkennung als Gesamtgemeinde. Bis 1962 wurden insgesamt sieben Pfarrbezirke der NG besetzt. 1987 konnte die NG das Jugendlager auf Röm einweihen, das seither viele nordschleswigsche Jugendliche beherbergt hat. 2005 mußten wegen finanzieller Probleme der Nordelbischen Kirche zwei Pfarrstellen eingespart werden. Die Aufgaben wurden auf die verbleibenden fünf Pfarrstellen verteilt.

Die deutschsprachige kirchliche Versorgung in Nordschleswig hat für den Zusammenhalt der Volksgruppe auch heute noch einen nicht zu unterschätzenden Wert, da sie auch solche Menschen an die Minderheit bindet, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht an die politischen oder kulturellen Organisationen der deutschen Volksgruppe binden mögen.

Das Besondere der NG ist, dass sie nach wie vor von einem Laienvorstand geleitet wird, der von der Kirchenvertretung gewählt wird. Ihre Existenz verdankt die NG dem Willen ihrer Mitglieder nach einer eignen deutschsprachigen kirchlichen Versorgung. Letztlich ist dieser Wille auch Grund für die immer noch existierenden vier deutschen Stadtpastorenstellen. Die Kirchenvertreter in den Städten gehen aus allgemeinen Wahlen zu den Gemeinderäten der dänischen Volkskirche hervor, wobei sich die Anzahl der Vertreter nach dem jeweiligen Wahlergebnis richtet.

Zwischen den deutschen Gemeinden in den Städten und auf dem Lande gibt es zwei verbindende Brücken. Zum einen bilden alle Pastoren und Pastorinnen einen gemeinsamen Konvent, der unter dem Vorsitz der Seniorin/des Seniors tagt. Zum anderen ist der »Verein der Freunde der Breklumer Mission in Nordschleswig e.V.« zu nennen, der sich der Äußeren Mission verpflichtet fühlt und Menschen ungeachtet ihrer Kirchenzugehörigkeit zusammenführt.

Die Konfrontation zwischen Deutschen und Dänen nach dem Krieg ist auf kirchlichem Gebiet einer Zusammenarbeit in ökumenischem Geist gewichen, wie dies im christlichen Sinne nicht besser sein könnte. Beredtes Zeugnis hierfür ist das »Deutsch-dänische Kirchenforum«, das unter dem Vorsitz der Bischöfe von Schleswig und Hadersleben tagt und das sich zum Ziel gesetzt hat, eventuelle Unstimmigkeiten im geschwisterlichen Konsens zu lösen.